20.06.2022

Führend im Biowein-Anbau

Rebberge auf der Horwer Halbinsel. Bild: Weinbau Ottiger, Kastanienbaum

Rebberge auf der Horwer Halbinsel. Bild: Weinbau Ottiger, Kastanienbaum

Die Weinbauregion Zentralschweiz überrascht immer mehr mit der Qualität ihrer Erzeugnisse. Am Stadtfest Luzern können sich die Besucher:innen davon überzeugen.

Nomen est omen: Der Weinmarkt,betrieben vom Zentralschweizer Weinbauernverband, wird am Stadtfest Luzern seiner Bezeichnung gerecht. Genuss aus Flaschen steht im Mittelpunkt des Festgeschehens. Dass diese Funktion des Weinmarktes keinen historischen Hintergrund besitzt, erörtert der Blick in die Geschichtsbücher. Auf dem Weinmarkt beschworen die Luzerner 1332 den eidgenössischen Bund mit Uri, Schwyz und Unterwalden. Damals hiess der Platz Fischmarkt, und das war auch seine Funktion bis Mitte des 16. Jahrhunderts. Mit dem Abbruch einer zweigeschossigen hölzernen Markthalle für den Verkauf von Fleisch, Brot und Lederwaren entstand 1841 der Platz in seiner heute bekannten Form. Unbestritten gilt der Weinmarktbrunnen als schönster seiner Gattung in der Stadt. 1494 wurde das Werk von Konrad Lux vollendet und im Laufe der Jahrhunderte mehrmals ergänzt. Was aktuell auf dem Platz steht, ist eine Kopie, errichtet Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Original befindet sich im Historischen Museum an der Pfistergasse.

Betriebe grösser als im Wallis

Nur Originale werden am Stadtfest Luzern ausgeschenkt, nämlich Erzeugnisse aus der Weinbauregion Zentralschweiz, angesiedelt auf den Ausläufern des ehemaligen Reussgletschers. Die Reben sind angepflanzt auf einer Fläche von 91 Hektaren und werden von 50 professionellen Betrieben und unzähligen Klein-Hobbywinzer:innen bewirtschaftet. Die durchschnittliche Fläche der professionellen Betriebe beträgt in der Region über 1 Hektare. Das ist viermal so viel wie im grössten Rebbau-Kanton der Schweiz, dem Wallis. Dennoch: Grosse, einheitliche Reben-Anbauflächen, wie sie zum Beispiel im Waadtland an der La Côte oder im Lavaux üblich sind, gibt es in der Zentralschweiz nicht. Die Rebberge verteilen sich auf unzählige Gemeinden. Die einzelnen Parzellen sind auch optisch reizvoll, sind ansprechende Zäsuren in den bäuerlich bewirtschafteten Landflächen.

In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Landwirte mit dem Anbau von Reben eine zusätzliche Einnahmequelle geschaffen. Eine halbe Million Flaschen ist der Output der önologischen Tätigkeit. Ein Grossteil der Zentralschweizer Weine wird in der Gastronomie – mit steigender Tendenz, wenn nicht gerade Pandemie herrscht –und im Direktvertrieb abgesetzt. Durch diese Umgehung des Handels bleibt die Wertschöpfung im Betrieb. Trotzdem nimmt der Absatz über den Fach- und den Detailhandel leicht zu. Gemäss Auskunft von Markus Reinhard, Präsident des Zentralschweizer Weinbauvereins (ZWV), beträgt der Anteil an biologisch erzeugten Weinen aktuell 15 Prozent mit stark steigender Tendenz. Die Region sei schweizweit führend im Biowein-Anbau. «Ebenfalls stark steigend ist der Anteil der sogenannten PIWI-Sorten, pilzwiderstandsfähiger Trauben, deren Anteil aktuell 34 Prozent beträgt.

Beeindruckende Qualitätslevels

Gemäss dem Weinbauverein ist die Professionalität in der Produktion in den hiesigen Betrieben bereits hoch. Dies trotz der Tatsache, dass sich viele Betriebe in erster oder zweiter Generation mit dem Rebbau beschäftigen. Sie leisten Pionierarbeit, können aber auch von den Erfahrungen anderer Regionen der Schweiz profitieren. Bei Degustationen und von Sommeliers im Gastgewerbe hört man immer öfter, dass die Zentralschweizer Produkte zum Teil sehr beeindruckende Qualitätslevels erreichen. Erfahrung und Qualität nützen aber nichts, wenn das Wetter verrücktspielt wie im Jahr 2021. Das ganze Frustprogramm für die Branche kam da zusammen: Frost, Hagel, Starkregen. Die Lieferfähigkeit wurde dadurch stark beeinträchtigt.

Doch die regionale Weinbaubranche schaut optimistisch in die Zukunft. Mit der Präsenz am Stadtfest Luzern will sich der Zentralschweizer Weinbauverband für die weitere Förderung und die bessere Wahrnehmung der regionalen Weinkultur einsetzen. Fünf Betriebe sind auf dem Weinmarkt präsent: Weinbau Ottiger, Kastanienbaum, Weingut Bisang, Dagmersellen, DeinWein vom Römerweg, Schenkon, Winzer Rafael Schacher, Hochdorf, und Rebbau Seeburghof, Luzern. Auf dem Platz, wo einst Luzern den Beitritt in die Eidgenossenschaft beschwor, klirren am 25. Juni die Weingläser, begleitet von Swing und Jazz am Morgen und am Nachmittag, von Volksmusik und Blues am Abend.

Andréas Härry