03.05.2022

«Wir müssen uns entscheiden»

Bei der Windkraft (im Bild Lutersarni) besteht gemäss den CKW schweizweit ein zusätzliches Potenzial von 2 Terawattstunden. Bild: CKW

Bei der Windkraft (im Bild Lutersarni) besteht gemäss den CKW schweizweit ein zusätzliches Potenzial von 2 Terawattstunden. Bild: CKW

Die CKW wollen in den nächsten Jahren eine Milliarde Franken für erneuerbare Energie investieren, sie hadern aber mit den hiesigen Regularien und hätten lieber Verhältnisse wie in Frankreich.

Martin Schwab, CEO der Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW), blickte gegen Ende der Pressekonferenz am letzten Donnerstag im fünften Stock des KKL Luzern über die Dächer der Stadt Luzern. «Wäre es ein unverantwortlicher Eingriff, wenn man beispielsweise auf dieser Kirche eine Solaranlage bauen würde?», stellte er die Frage in die Runde und sprach über die Peterskapelle.

Die CKW planen, bis 2030 die erneuerbaren Energien massiv auszubauen. Eine Milliarde Franken wollen sie dafür in die Hand nehmen, stolpern aber über die vielen Einsprachen und Regularien in der Schweiz. «Als Bürger der Schweiz sehe ich die Sache nicht links oder rechts, aber irgendwann müssen wir uns entscheiden, was wir wollen», so Schwab.

Die CKW wollen mit ihrem Mutterhaus Axpo in Sachen erneuerbarer Energien eine Vorreiterrolle einnehmen. Bis 2030 sollen Projekte in Photovoltaik, Windkraft, Biomassekraftwerke und Wasserkraft realisiert werden. Die ambitionierten Ziele werden jedoch von Einsprachen und strengen Richtlinien gebremst. «Es gibt Projekte, da sind wir seit 17 Jahren dran, so funktioniert es nicht», hadert CEO Martin Schwab. Zum Vergleich: Bei einer PV-Freiflächenanlage in Sanvignes-les-Mines (Frankreich) vergingen zwischen dem Erstkontakt mit den Behörden und der Baubewilligung lediglich zweieinhalb Jahre.

 

Man müsste achtmal schneller sein

Aktuell hat die Schweiz einen Nettoimportbedarf von 3 Terawattstunden (TWh). Stiege die Schweiz 2050 aus der Kernenergie aus und bliebe sie in Sachen erneuerbarer Energien auf dem aktuellen Stand, müssten ab 2050 22 Terawattstunden importiert werden. Natürlich wird sich bis 2050 in diesem Bereich noch einiges tun, aber man ist zu langsam. 

Bei der Wasserkraft (Potenzial von + 2 TWh im Vergleich zu heute), der Biomasse (+ 2,7), dem Wind (+ 3,3) und der Geothermie (+ 2,0) sieht Schwab schweizweit nur noch relativ wenige Ausbaumöglichkeiten. Bei der Photovoltaik ist das Potenzial jedoch gross. Hier wird mit einem Potenzial von zusätzlich 38 TWh gerechnet. 

«Um das Potenzial der 3,3 TWh der Windenergie bis 2050 voll auszuschöpfen, sind wir um den Faktor 8 zu langsam», erklärt Schwab. Auch bei den Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) müsste man mehr als doppelt so schnell sein. «Wird der Ausbau der Anlagen nicht schneller, werden wir nach dem Kernenergieausstieg ab dem Jahr 2050 30 TWh importieren müssen», so Schwab. 

 

Strom für 165 000 Haushalte

Bei den CKW laufen aktuell mehr als 20 Projekte, die über 150 MW Leistung erbringen sollen. Die Projekte sollen Strom für 165 000 Haushalte und Wärme für 55 000 Haushalte produzieren.

Der Fokus liegt dabei auf der Windkraft, bei der sechs Projekte am Laufen sind, den Wärmekraftkopplungskraftwerken für die Winterstromproduktion und den PV-Kraftwerken. «Wir planen momentan, in der Zentralschweiz bis zu 20 Windturbinen aufzustellen», erklärt Rafael Mesey, Leiter neue Energien bei den CKW. Die würden pro Jahr mit bis zu 150 GWh bis zu 30 000 Haushalte versorgen. Angedacht sind diese Windparks in Lindenberg (Aargau), Äberdingerhöchi (Reiden/Pfaffnau), Salbrig (Willisau) und Ruswilerberg (Ruswil).

Auch bei den PV-Anlagen haben die CKW einiges vor. Auch hier drückt aber der Schuh. Rafael Mesey zeigt ein Beispiel an einem Hang auf dem Menzberg. Der Landwirt hatte den CKW dort eine nicht nutzbare Fläche in steilem Gelände zur Verfügung gestellt, um eine PV-Anlage zu installieren. Die Anfrage für eine Baubewilligung ist bereits hängig. «Mit den heutigen Regularien ist so was aber schwer bis gar nicht bewilligbar», erklärt Mesey. Ähnliche Beispiele gibt es viele. Ausserhalb der Bauzone sind Freiflächenanlagen kaum bewilligungsfähig, in der Bauzone sind sie zu teuer.

 

17 Jahre Projektphase

Martin Schwab fordert eine Beschleunigung und eine Vereinfachung der Bewilligungsverfahren und Bewilligungen für Photovoltaikanlagen ausserhalb der Bauzone. «Das Wasserkraftwerk Waldemme hatte eine Projektphase von 17 Jahren, und das Kraftwerk ist nicht mal mehr halb so gross wegen der Einsprachen», erklärt er. «Beim Windpark Lindenberg sind seit dem Planungsstart 14 Jahre vergangen. Da ist aber noch kein Bagger aufgefahren», führt er weiter aus. «Wir brauchen schnellere Bewilligungen, dann geht auch der Ausbau schneller», so Schwab. Und er betont:«Wir wollen nicht das beste Landwirtschaftsland mit PV-Anlagen überdecken, aber es gibt genügend Flächen, die man für nichts anderes nutzen kann», sagt Schwab. Und er fordert die Bevölkerung auf, die Handlungen zu überdenken: «Wir wollen alle erneuerbare Energie, aber wir wollen weder Windräder noch Wasserkraftwerke, noch Solaranlagen. Wir müssen uns irgendwann entscheiden: Wollen wir immer alles bis zum Bundesgerichtsentscheid herauszögern und 17 Jahre warten oder wollen wir mal anfangen und etwas bauen? Wenn wir diesen 38-TWh-PV-Ausbau wollen, was sehr viel ist, müssen wir auch Solaranlagen bauen.»

Marcel Habegger