22.11.2021

Hält wenig von Star-Allüren

Stéphane Mottoul will unter anderem die Zusammenarbeit der fünf Chöre der Hofkirche intensivieren. Bild: PD

Stéphane Mottoul will unter anderem die Zusammenarbeit der fünf Chöre der Hofkirche intensivieren. Bild: PD

Seit zwei Monaten ist der Nachfolger von Wolfgang Sieber im Amt. Der Belgier Stéphane Mottoul setzt neue Schwerpunkte und will die musikalischen Aktivitäten der Hofkirche bündeln.

Stéphane Mottoul, Sie sind in Belgien aufgewachsen. Haben Sie einen flämischen Familiennamen?
Nein, meine Familie stammte vor über 200 Jahren aus Schweden, sie waren Brauer. Dann folgten über die Generationen Antwerpen und zuletzt Südbelgien.

Jetzt Luzern. Was sind Ihre Eindrücke dieser Region?
Ich komme aus einem Land, in dem alles flach ist. Hier ist alles «unflach». Mit dem Rennvelo sind die Berge eine Herausforderung. Ich liebe dieses Panorama. Luzern ist zudem sehr international. Ich mag die Vielfalt der Dialekte hier, auch wenn ich Schwyzerdütsch noch nicht verstehe. Ich betone das noch! Viele Kulturen treffen in Luzern aufeinander, was mich natürlich an Belgien erinnert.

Was zeichnet die Hofkirche aus?
Die Hofkirche ist international bekannt. Ein wichtiger Ort der Seele der Musik. Das Instrument des Orgelbauers Geisler aus dem Jahr 1640 ist riesig. Der Mann kam aus Salzburg nach Luzern mit dem festen Willen, ein grosses Instrument zu bauen. Das Resultat ist eine Pfeife, die 12 Meter lang ist und 400 Kilogramm wiegt – die grösste und schwerste in Europa, ein Unikum.

Was ist musikalisch möglich auf diesem Instrument?
Man kann alles spielen, von der Renaissance bis zur aktuellen Musik. Wir haben eine Orgel, die volle Flexibilität anbieten kann. Von César Franck über Johann Sebastian Bach bis Charles-Marie Widor.

Wie kam es zu Ihrer Bewerbung für diese Position in Luzern?
Ich war Student am Conservatoire de Paris und musste feststellen: In Frankreich werden Organisten kaum bezahlt, und in Belgien gibt es generell wenig Arbeit im Kulturbereich. So habe ich mich entschieden, meine Studien in Freiburg im Breisgau weiterzuführen. Dort wurde die Stelle des Organisten an der Universitätskirche frei, die ich gerne angenommen habe. 2018 las ich von der Stelle in Luzern. Ich bewarb mich, war aber skeptisch, was meine Chancen anbelangte.

Sie treten in die Fussstapfen von Wolfgang Sieber. Wie wird Ihre Handschrift sein?
Zuerst will ich eine starke Zusammenarbeit mit den fünf Chören der Hofkirche aufbauen. Diese sind die eigentlichen Treiber der Musik, das soziale Element. Zusammen mit meinem Kollegen Ludwig Wicki werden wir unter dem Titel «Musik am Hof» verschiedene Projekt aufgleisen 2022. Dieses neue Label wird generell alle musikalischen Aktivitäten der Hofkirche umfassen, die bis jetzt getrennt betrachtet wurden.

Welchen Anspruch haben Sie an Ihre persönliche Arbeit?
Wir haben aktuell eine «Sternegeneration». Jede Musikerin, jeder Musiker hat das Gefühl, ein Star werden zu müssen. Das ist falsch. Wir machen Musik für die Menschen, unser Publikum. Musik gibt immer und nimmt nie etwas.

Das heisst, Sie richten Ihr Repertoire auf den Publikumsgeschmack aus, Modernes wird es schwer haben?
Was heisst schon modern? Olivier Messiaen gilt als modern, wird vom Publikum aber geliebt. Ich will ein breites Repertoire aufbauen – vom Grossvater unserer Musik, Bach, bis zu meiner Passion Liszt, Schumann, Mendelssohn. Letzterer besuchte 1847 übrigens Luzern und die Hofkirche, drei Monate vor seinem Tod.

Sie hätten ein Faible für Improvisation, steht in Ihrem Lebenslauf.
Natürlich, ich liebe diesen Sport sehr. Ich habe diese typisch französische Disziplin studiert. Wenn der Pfarrer im Gottesdienst fertig ist, kann ich passend auf der Orgel abschliessen. In einem Konzert kann ich zum Beispiel ein Präludium und eine Fuge im Stil von Bach oder Melodien wie Chopin spielen. Durch Improvisation lernt man die Musik viel besser kennen.

Das bringt uns zur Kernfrage: Warum Orgel?
Als Organist hat man eine sehr breite musikalische Welt zur Verfügung. Zuerst habe ich Oboe gelernt, weil ich die Orchesterwelt liebe. Auf der Orgel kann man aber viel mehr machen, entwickeln, improvisieren. Das Grundinteresse habe ich zu Hause mitbekommen: Meine Mutter ist Pianistin, mein Vater Organist und Orgellehrer, wobei er nicht wollte, dass ich in seine Klasse kam. Ich musste mir einen anderen Lehrer suchen (lacht).

Wo steht die Hofkirche in fünf Jahren?
Ich wünsche uns ein sehr hohes qualitatives Niveau und internationale Reputation. International Musizierende werden bei uns auftreten. Mit unseren Chören werden wir vielseitig arbeiten, von Neukreationen bis Repertoires von Camille Saint-Saëns oder César Franck zum Beispiel. Auch das Orgelfestival wird weitergeführt. Wir bekommen zudem viele Anfragen von Musikerinnen und Musikern, die hier konzertieren wollen.

Andréas Härry