04.10.2021

«Es gäbe mehr Dragqueens»

Christian Raschke alias Rachel Harder bietet anderen eine Anlaufstelle, die er sich in seiner Jugend ebenfalls gewünscht hätte. Bild: PD

Christian Raschke alias Rachel Harder bietet anderen eine Anlaufstelle, die er sich in seiner Jugend ebenfalls gewünscht hätte. Bild: PD

Christian Raschke alias Rachel Harder ist eine der treibenden Kräfte des Vereins Pride Zentralschweiz. Im Interview spricht er über Schubladisierungen, Aufklärung und den bevorstehenden Event am Samstag.

Christian Raschke, seit wann sind Sie als Rachel Harder unterwegs?
Ich mache das schon länger. Während der Pandemie hat sich dies aber intensiviert. Für Kulturschaffende gab es kaum Arbeit, daher musste ich mir selbst Aufgaben geben: Unter anderem komponierte und produzierte ich ein Lied, zu dem ich mit Opernsänger*innen und anderen Drag-Künstler*innen einen Musikvideodreh produzierte. 

Sie engagieren sich sehr für die Aufklärung. Weshalb dieses grosse Engagement?
Es war schon länger ein inneres Bedürfnis, einen Ort zu schaffen, wo man sich als queerer Mensch willkommen fühlt. Mir geht es darum, Menschen, die sich vielleicht noch nicht gefunden haben oder gerade in diesem Prozess sind, zu unterstützen und eine Plattform zu bieten, auf der sie sich austauschen können. Ich hätte mir dies damals als Jugendlicher auch gewünscht.

Wie war dies für Sie?
Als Jugendlicher ist man ziemlich verloren, weil da sehr viele Gedanken und Emotionen auf einen zukommen. Wenn man dann jemanden hat oder eine ganze Community, die einen unterstützt, ist das sehr hilfreich. In Luzern ist das Angebot noch sehr begrenzt. Das ist eine Lücke, die wir jetzt schliessen müssen.

Können Sie mal erklären: Was ist eine Dragqueen eigentlich genau?
Die sexuelle Orientierung ist das eine, bei einer Dragqueen geht es um die Erschaffung einer Kunstfigur, die man aus sich selbst entwickelt. Das hat mit der Sexualität überhaupt nichts zu tun. Es gibt sowohl heterosexuelle wie auch homosexuelle oder bisexuelle Männer, die gerne eine zweite Identität erschaffen. Man muss das Ganze auch gar nicht so definieren. Ich denke, das ist ein Grundproblem, wenn man zu schubladisieren beginnt. Jede Dragqueen setzt ganz andere Schwerpunkte. Bei der einen steht das Styling oder die Mode im Zentrum, bei einer anderen ist es eher eine politische Position. Deshalb kann man nicht sagen: Eine Dragqueen ist genau so.

Die Leute wollen es kategorisieren können ...
In der queeren Theorie beginnt man vieles zu etikettieren. Es beginnt mit der sexuellen Orientierung, dann kommt die Genderfrage. Oft wollen die Leute wissen, wie und als was man sich denn nun definiere. Ich finde, diese Frage sollte man eigentlich gar nicht mehr stellen. Man sollte jeden Einzelnen und jede Einzelne als Individuum betrachten, ohne zu versuchen, ihn oder sie in eine Schublade zu drücken.

Was reizt Sie an Rachel Harder?
Jede Dragqueen wird gerne bewundert. Wenn ich High Heels und Perücke trage, bin ich 2,05 m gross und falle auf. Ich erhalte in Luzern auch sehr viel positives Feedback. Natürlich gibt es auch erstaunte oder gehässige Kommentare, aber die sind relativ selten. Die meisten lachen, klatschen und finden es toll. Das gute Gefühl, positives Feedback zu bekommen und den Leuten Freude zu bereiten, tut mir gut.

Wann ist dieses Interesse für Frauenkleider und -accessoires entstanden?
Schmuck und Lippenstift fand ich bereits als Kind toll. Ich habe die Mädchen immer um ihre Sachen beneidet. Ich wollte diese Dinge als Kind auch schon tragen und hab dies zum Teil auch getan. In der Pubertät habe ich aber komplett damit aufgehört. 

Weshalb?
Weil ich in der Pubertät versucht habe, cool zu sein. Ich versuchte, ein männlicher Junge zu sein und mir männliche Attribute anzueignen. Irgendwann habe ich aber realisiert, dass das gar nicht passt und ein 
Riesenkampf ist, um anderen gerecht zu werden. Das habe ich dann immer mehr abgelegt. Diese Kunstfigur gibt mir rückwirkend ein viel stärkeres Selbstbewusstsein. Da habe ich etwas gefunden, was ich schon immer in mir hatte. Jetzt kann ich es aber endlich zeigen. Das stärkt mich auch als Mann im Alltag.

Wie viel Wert legen Sie denn als Mann auf Ihr Äusseres?
Eigentlich nicht viel. Ich bin ziemlich uneitel, würde ich sagen. Ich besitze eine Jeans, die ich fast immer trage, und ein paar Schlabberhemden.

Wie erleben Sie Luzern als Dragqueen? Luzern ist ja schon etwas konservativer als Zürich oder Basel ...
Ich höre das immer wieder, habe das aber noch kein einziges Mal persönlich gespürt. Ich habe auch in Berlin und Paris gelebt, da ist die Stimmung viel aggressiver. Als homosexueller Mann oder Dragqueen verbale oder körperliche Gewalt zu erfahren, ist dort sehr viel wahrscheinlicher als hier. Ich fühle mich in Luzern total sicher und spüre eine grosse Offenheit.

An der Fasnacht gibt es viele Männer, die die Gelegenheit nutzen, sich als Frau zu verkleiden. Gäbe es eigentlich viel mehr Männer, die daran auch ausserhalb der Narrenzeit Gefallen hätten?
Das sehe ich schon so. In die andere Geschlechterrolle abzuwandern, sorgt ja immer noch für Diskussionen. An der Fasnacht wird eine Chance ergriffen, weil man sich denkt, jetzt könne man sich unter dem Deckmantel «Fasnacht» verkleiden. Drag ist ja aber keine Verkleidung, da geht es um eine Identität, um eine Kunstfigur. Ich denke schon, dass sich dahinter auch eine Sehnsucht verbirgt. Es gäbe wohl schon mehr Dragqueens.

Sie sind der Hauptorganisator von «Queerer Budenzauber» im Südpol Luzern. Was genau steckt hinter dem Event am Samstag?
Es ist ein dreiteiliger Event. Der Abend wird durch einen Vortrag in der Shed-Halle mit offenem Diskussionsforum im 
Anschluss eröffnet. Danach gibt es eine Show und eine Tanzparty, eben einen Ort, wo man sich als queerer Mensch aufgehoben und willkommen fühlt.  

Marcel Habegger

 

Box: Queerer Budenzauber im Südpol 
Dragqueen Rachel Harder bringt diesen neuartigen Event am kommenden Samstag, 9. Oktober, in den Kanton Luzern, der neben der obligatorischen Discosause auch einen sachlich-informativen Beitrag bietet. Im Anschluss an den Vortrag mit dem Titel «Queer-Theorie vs. Heteronormativität» haben alle Gäste die Möglichkeit, sich im direkten Dialog mit queeren Ansprechpersonen auszutauschen.

Ab 22 Uhr haben die Gäste die Wahl, sich dem dionysischen Kapitel des Abends zu widmen: Ein Stockwerk tiefer startet die Party im Club, die um Mitternacht mit einer 45-minütigen Show ihren Höhepunkt erreicht. Queere Künstler*innen mit diversen ästhetischen Richtungen bieten ein spektakuläres Showprogramm. Es ist ein Covid-19-Zertifikat notwendig.

Türöffnung ist um 20 Uhr; Eintritt: 
10 Franken (Infoveranstaltung),
20 Franken (Club).