06.09.2021

«Trauen Sie sich, zu vertrauen!»

IHZ-Direktor Adrian Derungs. Bild: PD

IHZ-Direktor Adrian Derungs. Bild: PD

Nun sag, wie hast du’s mit dem Risiko?» So lautet die Gretchenfrage an Sie, liebe Leserinnen und Leser. Sind Sie risikofreudig oder eher zurückhaltend bei Risikoabwägungen? Wir alle haben täglich mit Risiken zu tun. Dabei wägen wir ab, wie wahrscheinlich ein Ereignis eintritt und wie schwer uns dieses Ereignis schaden kann. Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie in einen Unfall verwickelt werden, wenn Sie bei einer roten Ampel die Strasse überqueren? Wagen Sie es oder eher nicht?  

Mit Risiken sind auch Zentralschweizer Unternehmen täglich konfrontiert. Erfolgreiche Unternehmen riskieren kalkuliert, um ihr nachhaltiges Überleben zu sichern. Der Staat identifiziert ebenfalls Risiken wie Pandemien, Naturgefahren oder Blackouts in der Stromversorgung, um sich auf mögliche Szenarien vorzubereiten und die Bürgerinnen und Bürger so weit möglich zu schützen. 

Während die alltäglichen individuellen Risikoabwägungen beinahe unbewusst ablaufen, sind wir in unserer komplexen Gesellschaft kaum in der Lage, in den zahlreichen Fachbereichen und Technologien oft neuartige Risiken einzuschätzen. Sofern wir keine Spezialistinnen und Spezialisten in den jeweiligen Fachgebieten sind, fehlen uns das notwendige Wissen und die relevanten Informationen. Wie funktioniert Gentechnologie genau? Wie verhält es sich mit der Nuklearenergie? Was sind Quantencomputer? Da wir diese Fragen und die damit verbundenen Risiken selber nicht sinnvoll einschätzen können, hat das Vertrauen in Fachpersonen, die Entscheidungen fällen, eine entscheidende Bedeutung. So zeigen zahlreiche Studien, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Grad an Vertrauen sowie den wahrgenommenen Risiken und Nutzen einer Handlung. Oder in anderen Worten: Je mehr Sie Entscheidungsträgern vertrauen, desto geringer erscheint Ihnen ein Risiko und desto grösser erachten Sie den Nutzen eines Entscheides dieser Person. 

Dieser Zusammenhang lässt sich auch in der aktuellen Coronapandemie vermuten: Wer dem Bundesrat, dem Bundesamt für Gesundheit BAG, den Medizinern beziehungsweise generell den Entscheidungsträgern im Zusammenhang mit der Bewältigung der Coronakrise in der Schweiz vertraut, der schätzt nicht nur das Risiko der Coronamassnahmen wie beispielsweise der Impfung als eher gering ein, sondern erwartet auch einen höheren Nutzen davon als Menschen, deren Vertrauen in die Institutionen geringer ist. Sie können sich selber die Frage stellen, wie es um Ihr Vertrauen steht und wie Sie Risiken und Nutzen der Massnahmen beurteilen. Mein Vertrauen in die Institutionen und die Menschen, die in dieser Krise entscheiden müssen, ist nach wie vor hoch. 

Mit Blick über die Coronakrise hinaus wird unabhängig davon deutlich: In einer zunehmend komplexen Gesellschaft ist Vertrauen die Währung der Zukunft. Ausgerechnet jenes Gut, dass man sich über Jahre hinweg aufbauen muss und das in wenigen Augenblicken verspielt werden kann. Vertrauen ist kostbar, ohne dass man den Wert beziffern kann – Vertrauen ist unbezahlbar. Denn Vertrauen sorgt erst dafür, dass wir in unserer Gesellschaft auch in Zukunft bereit sind, auf unterschiedlichen Entscheidungsträgern vertrauend, Risiken einzugehen. Denn es gibt kein Leben ohne Risiko. Wenn wir alle Risiken beherrschen wollen, wird dies nicht nur unsere Freiheit massiv beschränken, sondern auch Innovation, Forschungsdrang und Unternehmertum unterbinden. 

Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sind daher gut beraten, sich diese Tatsache immer wieder vor Augen zu führen, um das in sie gesetzte Vertrauen nicht zu verlieren. Auf der anderen Seite ist auch eine zuversichtliche Grundhaltung angebracht, um überhaupt Entscheide und Reformen zu ermöglichen – wer kein Vertrauen schenkt, wird kaum in der Lage sein, gemeinsam mit anderen Akteuren Risiken einzugehen. Falls wir auch in Zukunft gemeinsam Risiken eingehen und etwas unternehmen wollen, gilt daher für Vertrauensnehmer und Vertrauensgeber folgender Grundsatz: Seien Sie vertrauenswürdig und trauen Sie sich, zu vertrauen! 

Adrian Derungs