Schärer Linder

21.07.2021

Kampf für die Selbstbestimmung

Cornelia Gantner während der Dreharbeiten im Dorf Chewe in Sambia. Bild: PD

Cornelia Gantner während der Dreharbeiten im Dorf Chewe in Sambia. Bild: PD

Heute Abend zeigt das Open-Air-Kino Luzern das Regiedébut von Cornelia Gantner. Mit «That Girl» erzählt die Zuger Filmemacherin die Geschichte einer jungen Afrikanerin, die sich in Sambia unermüdlich für Veränderung und Fortschritt einsetzt.

Cornelia Gantner, in Ihrem Dokumentarfilm begleiten Sie die Sambierin Gladys, die im Rahmen eines Hilfsprojekts im abgelegenen Dorf Chewe zusammen mit ihrem Schweizer Ehemann das Leben der Menschen verbessern will. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Film zu drehen?
Mit dem Film konnte ich zwei Leidenschaften von mir miteinander verbinden: den Journalismus und die humanitäre Arbeit. Zusammen mit meinem Mann finanziere ich seit Jahren verschiedene Hilfsprojekte in Sambia. Dadurch habe ich die Menschen in Chewe kennen gelernt und mich entschieden, die Entwicklungsschritte dort über mehrere Jahre filmisch zu begleiten. Gladys traf ich beim ersten Dreh. Ich fand es spannend, die Geschichte aus der Perspektive einer jungen, sambischen Frau zu erzählen.

Was fasziniert Sie an Gladys?
Sie hat einen sehr starken Willen und eine enorme Entschlossenheit. Bereits als junges Mädchen lehnte sie sich gegen Traditionen auf und wehrte sich dagegen, als Teenager verheiratet zu werden. Stattdessen kämpfte sie dafür, zur Schule gehen zu können und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Allen Widerständen zum Trotz gibt sie nie auf und bleibt sich selbst treu. Das fasziniert und berührt mich sehr: Menschen, die aus Überzeugung ihren eigenen Weg gehen, obwohl es viel einfacher wäre, den Weg zu nehmen, den alle gehen. 

Der Film gibt intime Einblicke in das Leben von Gladys und ihrer Familie, aber auch der Dorfbewohner. Wie haben Sie es geschafft, den Zugang zu den Menschen zu finden?
Das gelang nur mit viel Zeit und Geduld. Innerhalb von sechs Jahren reiste ich insgesamt elfmal nach Chewe und baute mit den Menschen dort Schritt für Schritt eine Beziehung und gegenseitiges Vertrauen auf. Ich hatte dabei keine fixe Geschichte im Kopf: Ich begegnete den Leuten und ihren Geschichten mit echtem Interesse und liess mich unvoreingenommen darauf ein.

Wie muss man sich die Dreharbeiten vorstellen? Haben Sie im Dorf gelebt?
Es war sehr abenteuerlich. Da es lange Zeit keine richtige Brücke gab und der Zugang zum Dorf schwierig war, haben wir dort gezeltet. Es gab weder Strom noch sanitäre Anlagen, und wir haben uns unter anderem von einem grossen Vorrat von Landjägern und lang haltbarem Walliser Brot ernährt (lacht). 

Wen meinen Sie mit «wir»? Wer gehörte zu Ihrem Team?
Die Filmcrew bestand nur aus meinem Kameramann und mir. Begleitet wurden wir von einem Sambier, der für uns übersetzte und uns sonst auch überall unterstützte. Es war wichtig, dass unser Team nicht grösser war. So fühlten sich die Menschen nicht beobachtet und konnten leichter Vertrauen zu uns fassen. 

Ein besonderes Anliegen von Gladys ist, eine Sekundarschule im Dorf aufzubauen. Welche Rolle spielt in Ihren Augen die Bildung für die Entwicklung eines Landes?
Die Bildung ist sehr wichtig. Die Primarschulen sind in Sambia relativ gut aufgestellt. Es gibt aber zu wenig Oberstufenangebote. Oft liegen die Schulen zu weit weg vom Heimatdorf, und die Eltern haben schlicht nicht das Geld dafür, ihre Kinder irgendwo anders in eine Schule zu schicken. Gerade für viele Mädchen, die in der Regel früh schwanger werden, endet der Bildungsweg ohne Schulabschluss. Diese jungen Leute brauchen eine Perspektive. Deshalb habe ich – motiviert von meiner Arbeit am Film – die «Be That Girl Foundation» gegründet. 
 
Was bezwecken Sie mit der Stiftung?
Wir unterstützen Teenager und junge Frauen dabei, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Dazu gehört in erster Linie, dass sie die Schule abschliessen und einen Beruf lernen können. Mit Partnerorganisationen in Sambia und Afghanistan haben wir Projekte entwickelt, wie zum Beispiel ein Mentoringprogramm für Mädchen in der Oberstufe. Wir begleiten sie langfristig und individuell in einer Lebensphase, in der Weichen fürs Leben gestellt werden. Dazu gehört auch, dass die Mädchen weibliche Rollenmodelle brauchen, welche ihnen aufzeigen, dass es auch für sie verschiedene Optionen gibt. Nicht nur die eine, welche ihnen die Eltern oder die Dorfgemeinschaft vorgibt.

Ohne zu viel zu verraten: Der Schluss des Filmes zeigt, dass trotz Gladys Engagement immer noch viele Mädchen im Dorf die Schule abbrechen. Ist sie am Ende gescheitert?
Nein, denn sie gibt nicht auf und bleibt dran. Der Film soll nichts beschönigen, sondern der Realität entsprechen. Und diese sieht nun mal so aus, dass man die Welt nicht in fünf Jahren verändern kann. Auch nicht die kleine Welt von Chewe. Der Film zeigt aber, dass es Hoffnung gibt und sich Gladys Einsatz lohnen wird. Auch wenn es einen langen Schnauf braucht, bis die Mehrheit der Mädchen eine echte Perspektive für die Zukunft hat. 

Sie selbst haben ursprünglich Journalismus studiert, Ihre Karriere aufgrund der Familie dann für lange Zeit auf Eis gelegt. Wie war es für Sie, in Ihren Beruf zurückzukehren?
Es war einfach genial und ich hatte unglaublich viel Spass dabei. Ich betrachte es als ein riesiges Privileg, dass die Menschen in Chewe mich so offen an ihrem Leben teilhaben liessen. In fremde Welten eintauchen zu dürfen, macht den Journalismus so spannend.

Folgt nun ein nächster Film?
Das lasse ich offen. Falls ich wieder auf ein Thema stosse, das mich begeistert und zu dem ich einen exklusiven Zugang habe, kann ich mir das gut vorstellen. Das Werkzeug «Filmemachen» habe ich jetzt auf jeden Fall in meiner Werkzeugkiste (lacht). 

Gladys gibt uns am Ende den Rat «dream wildly» – welches sind Ihre wildesten Träume?
Mein grösster Traum ist, dass die «Be That Girl Foundation» in zehn Jahren eine etablierte Organisation ist. Eine Organisation, die einen echten Unterschied macht im Leben von vielen jungen Frauen. Nicht nur in Sambia, sondern auch in anderen Ländern, wo junge Frauen besonders benachteiligt sind. Damit sie zwischen verschiedenen Optionen wählen können und den Weg ins Leben einschlagen können, der ihnen entspricht.
Anna Meyer