Schärer Linder

09.11.2020

Gemeinden sind enttäuscht

Normalerweise liegt die Auslastung der Tageskarten über 90 Prozent, im Jahr 2020 Corona-bedingt deutlich tiefer. Bild: CH Media/Archiv

Normalerweise liegt die Auslastung der Tageskarten über 90 Prozent, im Jahr 2020 Corona-bedingt deutlich tiefer. Bild: CH Media/Archiv

Die beliebten Gemeindetageskarten gibt es nur noch bis 2023. Der Umsatz mit dem Angebot sei rückläufig, begründet die Alliance Swiss Pass den Entscheid. Bei den Gemeinden kommt dieser nicht gut an.

Für 45 Franken einen Tag lang mit dem öffentlichen Verkehr in der Schweiz herumfahren: Mit den Gemeindetageskarten ist das möglich. Doch nicht mehr lange. Die ÖV-Branchenorganisation Alliance Swiss Pass gab Mitte Oktober bekannt, das Angebot per Ende 2023 abzuschaffen. Sparbillette und Spartageskarten hätten in den vergangenen Jahren zu einem Umsatzrückgang bei den Tageskarten geführt. Parallel sei der Aufwand für den Vertrieb gestiegen, und der Verkauf decke an vielen Orten die Kosten nicht mehr. Die Digitalisierung der Karten sei getestet worden: Sie wäre wegen «der unterschiedlichen Schnittstellen und IT-Lösungen nur mit einem unverhältnismässig hohen finanziellen und personellen Aufwand realisierbar», schreibt Alliance Swiss Pass.

In Luzerner Gemeinden kommt dieser Entscheid nicht gut an. Aktuell sind wegen Corona an relativ vielen Tagen Tageskarten verfügbar, in normalen Jahren liegt die Auslastung allerdings bei 90 bis 95 Prozent. Die Stadt Luzern bietet dieses Jahr 18 Gemeindetageskarten an und lässt sich dies pro Set für 365 Tageskarten 14 000  Franken kosten. «Wir bedauern diese Streichung. Die Tageskarte für Gemeinden ist ein attraktives Angebot, welches die Nutzung des öffentlichen Verkehrs unterstützt», sagt Josef Birrer, Leiter Stadtbibliothek, wo die Verkaufsstelle der Tageskarten seit diesem Jahr angesiedelt ist.

 

Risiko liegt bei den Gemeinden

Auch in Ebikon zeigt man sich über den Entscheid enttäuscht. «Wir bedauern das sehr. Damit fällt eine beliebte und für viele Haushalte auch finanziell wertvolle Dienstleistung an die Bevölkerung weg», sagt Roland Beyeler, Kommunikationsverantwortlicher der Gemeinde Ebikon. Die Agglomerationsgemeinde bietet seiner Bevölkerung acht Tageskarten für je 45 Franken an. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist die Nachfrage auch in Ebikon total eingebrochen. «Normalerweise beträgt die Auslastung von Mai bis Ende September fast 100 Prozent, in der kälteren Jahreszeit ist die Nachfrage deutlich tiefer», sagt Roland Beyeler. Das Risiko lag bisher bei den Gemeinden. «Von uns bezogene Gemeindetageskarten, die nicht verkauft werden können, werden von der SBB beziehungsweise Swiss Pass Alliance nicht zurückvergütet», stellt Beyeler klar. Auch in den anderen Gemeinden ist dies so.

 

Horw passt Angebot an

Die Gemeinde Horw bietet seit zwölf Jahren sechs Tageskarten an. Ab 2021 wird sie das Angebot wieder auf vier reduzieren. Auch hier kosten sie 45 Franken; ist die Tageskarte für den nächsten Tag noch verfügbar, ist sie für lediglich 29 Franken erhältlich. Die Tageskarten werden auch in Horw geschätzt und rege benutzt, allerdings nur von einem Teil der Bevölkerung, wie der Gemeindepräsident sagt: «Es ist ein kleiner Kreis, der das Angebot regelmässig in Anspruch nimmt. Ich bedaure es trotzdem, dass es die vergünstigten Tageskarten in Zukunft nicht mehr geben soll», sagt Ruedi Burkard. «Es fällt eine Dienstleistung weg, die für Personen mit engem Budget von Bedeutung sein konnte.» Vor Corona betrug die Auslastung auch in Horw bei 90 Prozent. Im Jahr 2020 lag sie bis Ende Oktober noch bei 65 Prozent. 

In Kriens, wo die Buchungsquoten für die sechs Tageskarten ähnlich hoch sind, wäre man bereit gewesen, sich an der Entwicklung einer neuen GA-Form für die Gemeinde zu beteiligen. «Kriens sieht aber auch ein, dass die ÖV-Anbieter im Rahmen der Entwicklung ihrer Tarifmodelle inzwischen andere Vergünstigungsformen auf den Markt gebracht haben, die für die Bevölkerung sehr attraktiv sind», sagt Benedikt Anderes, Informationsbeauftragter der Stadt Kriens. Der Verkauf dieser Tageskarten war bisher eine der Massnahmen der Stadt, die ÖV-Nutzung zu fördern. Kriens will nun in Zukunft die ÖV-Nutzung auf anderen Ebenen aktiv unterstützen und fördern. «Inzwischen haben die ÖV-Anbieter ja Alternativen zum bisherigen Gemeinde-GA in Aussicht gestellt, diese aber noch nicht genauer definiert», betont Anderes. Sowohl in Kriens, Horw und Ebikon als auch in Luzern ist davon auszugehen, dass die Gemeindetageskarten bis 2023 angeboten werden.

Rahel Bühler/Marcel Habegger