Schärer Linder

10.03.2020

Bringt Benzinjunkies ins Grübeln

Nicht nur in der Stadt macht das E-Auto Spass: der Seat Mii in Richtung Eigenthal. Bild: Andréas Härry

Nicht nur in der Stadt macht das E-Auto Spass: der Seat Mii in Richtung Eigenthal. Bild: Andréas Härry

Das ist Mobilität der intelligenten Sorte: Ein preiswerter Kleinwagen bekommt den reinen E-Antrieb und überzeugt (fast) auf der ganzen Linie.

Die Geräuschkulisse ist Luxusklasse, der Komfort überraschend, die Kosten nur erfreulich. Diese Kombination ist noch selten auf dem Markt und hat Begeisterungspotenzial. Flüsternd-summend geht’s vorwärts, nur der Wind und die Abrollgeräusche sorgen für massgebliche Dezibel. Dazu gesellt sich ein Federungskomfort, der gar nicht in die Klasse passt. Die üppigen 1,2 Tonnen Leergewicht des Batterieautos in Kombination mit angepassten Federn sorgen für effektives Abbügeln von Strassenschäden, wo die gesamte thermisch betriebene Klassenkonkurrenz eher darüber holpert. 82 PS oder 61 Kilowatt lässt der E-Motor auf die Vorderachse los. Das tönt harmlos. Aber die kommen sofort, ohne die kleinste Verzögerung beim Druck aufs Pedal. Da lässt der kleine Mii alle Turbobenziner bei Grün auf den ersten Metern alt aussehen, die Dieselturbos sogar uralt.

Lustvoll dabei


In der Stadt ist der Mii – auch dank seiner Kompaktheit – der Grösste, das konnte man ja erahnen. Dass der Seat aber auch über Land rüüdig Spass macht, ist das eigentliche Highlight. Ja, selbst auf der Autobahn ist man dabei im Konzert der Abgase-Ausstossenden. Dass der Mii eher downtown Sinn macht und nicht auf der Fernreise, hat nur mit der Reichweite zu tun. Autobahnmässig gefahren ist nach zirka 130 Kilometern die 32,3-kWh-Batterie leer gesaugt. Im Agglo- und im Stadtverkehr sind 120 Kilometer mehr möglich. Im «Anzeiger»-Test machten wir uns einen Spass daraus, wo es nur ging, mittels vier Rekuperationsstufen am «Ganghebel» Strom zurück in die Batterie zu leiten und den Fahrstil zurückhaltend zu gestalten. Wir wären rechnerisch auf 300 Kilometer gekommen. Rund 14 Kilowattstunden braucht der Mii, normal bewegt, pro 100 Kilometer. «Tankt» man zu Hause, ergibt das Kosten von rund 3 Franken pro 100 Kilometer. Eine Wallbox in der Garage, die mehr Strom abgibt als das normale Netz (3 kWh), reduziert die Aufladezeit auf wenige Stunden, Schnelllader unterwegs auf die Dauer einer Snackpause. Unter 20 000 Franken ist man dabei, was eigentlich jeden Pendler mit spitzem Bleistift, etwas Weitblick und bescheidenem Autoplatzbedarf ins Grübeln bringen sollte. Denn die Kompromisse des Mii liegen nicht im Antrieb, sondern in der Karosserie. In Reihe zwei und im Kofferraum müssen bei einer Aussenlänge von 3,5 Metern keine Raumwunder erwartet werden.

Verträumtes Licht


Das Grundkonzept des Mii stammt aus dem Jahr 2011 (baugleich mit VW Up und Skoda Citigo), was sich im Stil der Instrumente und beim Infotainment zeigt. Das Handy dient als Navi, eingeklemmt in einer Universalhalterung auf dem Armaturenbrett. Die Materialisierung ist bescheiden in der Anmutung, aber solide verarbeitet. Überraschend bequem sind
die Sitze mit integrierten Kopfstützen. Mitleidslächeln generieren die Halogen-Scheinwerfer in der Nacht. Im Zeitalter von LED wirken diese wie verträumtes Kerzenlicht. Alles Peanuts angesichts der guten Idee, mit dem Mii die Eintrittsschwelle ins E-Mobilität-Zeitalter so tief zu setzen. Selbst Benzin- und SUV-Junkies erwischen sich beim Cruisen im kleinen Seat in Fragen des Genres: Muss Automobilität der Zukunft wirklich so gigantisch viel mehr sein als ein Seat Mii?

Andréas Härry