Schärer Linder

29.06.2021

Luxus aus Frankreich

«Die Göttin» punktet beim Design, jedoch ist im Innenraum etwas umständlich. Beim Fahren hat der DS9 seine Stärken eher beim Gleiten als beim dynamischen Fahren. Bild: PD

«Die Göttin» punktet beim Design, jedoch ist im Innenraum etwas umständlich. Beim Fahren hat der DS9 seine Stärken eher beim Gleiten als beim dynamischen Fahren. Bild: PD

DS versteht sich als Luxusmarke unter dem Dach von Citroën. Mit dem DS9 hat die Marke nun eine grosse Limousine im Angebot, die an die legendäre aus den 1950ern anknüpfen will.

Der Glanz vergangener Tage ist in diesem Fall besonders stark: Die DS, was gerne auch als «Déesse», französisch für «Göttin», ausgesprochen wird, ist der Inbegriff für automobilen Luxus aus Frankreich. Die Limousine mit der legendären Hydropneumatik-Federung gehört in jedes klischeehafte Bild von Paris und gleitet mit Anmut und höchstem Komfort auch über rauestes Kopfsteinpflaster. 

Diesen Glanz aus der Vergangenheit will man bei Citroën seit 2015 mit DS als eigenständiger Marke wieder aufleben lassen. Mit dem DS9 hat die Marke nun ihre erste grosse Limousine im Angebot. Mit einer Länge von 4,93 Metern will diese im Segment von Audi A6, BMW 5er und Mercedes E-Klasse antreten. Kein leichtes Wettbewerbsumfeld; doch getreu der Tradition will der Franzose mit Extravaganz punkten. Das gelingt beim Design auf jeden Fall. Eine prägnante Front mit grossen LED-Tagfahrlichtern und eine sanft abfallende, elegante Dachlinie mit integrierten Positionslichtern, die an die Blinker der legendären DS erinnern wollen, sorgen für einen unverkennbaren Auftritt. 

Im Innenraum fallen elegante Kippschalter auf der Mittelkonsole, eine grosse Analoguhr auf dem Armaturenbrett und etwas verspielt gestaltete Digitalinstrumente auf. Das Infotainmentsystem wurde ebenfalls grafisch angepasst, stammt aber im Grunde aus dem Stellantis-Konzernregal. Das System wirkt grafisch durchaus elegant, ist aber in der Bedienung über den Touchscreen bisweilen etwas umständlich.

Insgesamt überzeugt der Innenraum durchaus ansprechend und vor allem sehr geräumig – auch auf der Rückbank. Die Materialien, mit welchen man als Fahrer in Berührung kommt, sind gut und hochwertig gewählt, sodass man sich durchaus in einem aussergewöhnlichen Auto wähnt; dass an einigen Stellen Hartplastik zum Einsatz kommt, fällt zwar auf, stört jedoch nicht.

 

Gleiten ist eher die Stärke

Bei der Grundarchitektur setzt die Limousine ebenfalls auf Zutaten aus dem Konzern; sie baut auf der EMP2-Plattform auf, die für zahlreiche Modelle von Citroën, Peugeot und Opel genutzt wird. Als Antrieb bietet DS einen 1,6-Liter-Benziner mit 8-Gang-Automatik (ab 62 200 Franken) an sowie zwei Plug-in-Hybrid-Versionen mit 225 PS (ab 65 900 Franken) oder 360 PS und Allradantrieb (ab 77 400 Franken, ab April 2022). Der Plug-in-Hybrid mit Frontantrieb schafft knapp 50 Kilometer elektrisch – mit einer Höchstgeschwindigkeit von 135 km/h. So lässt sich das Gleiten mit komfortabel abgestimmtem Fahrwerk auf jeden Fall am besten geniessen; ist der Akku leer, schaltet sich der Benziner zu, der nur bei Volllast etwas angestrengt wirkt. Im alltäglichen Fahrbetrieb wirkt er aber ausreichend souverän und hält sich vorbildlich zurück. Allgemein ist das gemütliche Gleiten eher die Stärke des noblen Franzosen als dynamisches Kurvenfahren. Kombiniert man die ruhige Fahrweise mit regelmässigem Akkuladen, soll man laut DS auf einen Durchschnittsverbrauch von nur 1,6 l/100 km kommen. 

 

Fokus auf China

Im Gegensatz zu den Konkurrenten aus Deutschland wird der DS9 ausschliesslich als Limousine gebaut. Für den Schweizer Markt ein spürbarer Nachteil. Doch ein Massenauto will der Franzose hierzulande ohnehin nicht wirklich werden; als Alternative für Käufer, die etwas Extravaganteres und dennoch Vernünftiges suchen, kann er aber durchaus interessant sein. Den Hauptabsatzmarkt sieht DS in China, wo grosse Limousinen mit viel Beinfreiheit im Fond sehr gefragt sind. Deswegen wird die «neue Göttin» auch nicht in Frankreich, sondern in China produziert. In den glanzvollen Zeiten der Ur-DS wäre das undenkbar gewesen. Heutzutage ist das aber alles andere als ungewöhnlich: Auch Volvo, BMW oder der VW-Konzern produzieren einige Modelle in China.

Philipp Aeberli