08.11.2021

«Es ist ein Nach-Hause-Kommen»

Der britische Popsänger Jack Savoretti (38) verbrachte zehn Jahre seiner Jugend im Tessin. Bild: Chris Floyd

Der britische Popsänger Jack Savoretti (38) verbrachte zehn Jahre seiner Jugend im Tessin. Bild: Chris Floyd

Mit seinem im Sommer erschienenen Album «Europiana» belegte der britische Popmusiker Jack Savoretti sechs Wochen Platz 1. Heute Dienstag ist er im KKL Luzern auf der Bühne. Bereits am Samstag gab er dem «Anzeiger Luzern» ein Interview.

Hi, hier ist Jack Savoretti, tut mir leid, ich hab nicht bemerkt, dass ich mein Telefon auf stumm geschaltet hatte ...

Kein Problem, danke fürs Zurückrufen. Wobei habe ich Sie gestört?
Ich besuche gerade meinen Vater in Lugano.

Jetzt haben Sie meine Schlussfrage vorweggenommen. Ich wollte fragen, ob Sie nach dem Konzert noch Ihren Vater besuchen werden ...
Tut mir leid (lacht), aber das werde ich. Ich reise nach dem Konzert am Dienstag (das Interview fand am Samstag statt, die Red.) in Luzern nochmals zurück ins Tessin.

Wie lange werden Sie in der Schweiz sein?
Bis Donnerstag, danach reisen wir für ein Konzert in die Royal Albert Hall nach London.

Also zwei sehr spezielle Konzertsäle in einer Woche. Wie fühlt es sich an, vor wenigen Wochen waren noch keine Konzerte möglich?
Es fühlt sich wirklich sehr gut an, egal wo die Konzerte stattfinden, aber auf solchen Bühnen zu spielen, macht es natürlich noch spezieller. Es gab Zeiten, da haben wir uns gefragt, ob wir dies je wieder tun können.

Man konnte aber lesen, so schlecht war die Lockdown-Zeit für Sie nicht. Sie haben ein neues Album aufgenommen, das Wohnzimmer hat sich in dieser Zeit in ein Musikstudio verwandelt ...
Ich habe versucht, der Situation etwas Gutes abzugewinnen, anstatt nur das Bedrohliche zu sehen. Ich glaube, das habe ich getan, weil wir zwei Kinder haben.

Wie meinen Sie das?
Während der Zeit, als jeden Tag in den Nachrichten erzählt wurde, wie viele Leute wegen Corona gestorben sind, ist unsere 9-jährige Tochter in die Küche gelaufen und hat beiläufig erwähnt: ‹Nur 300 Tote heute!› Das hat mich schockiert. Wir haben versucht, das Beste aus der Sache zu machen, haben Fotoalben von früher angeschaut und den Kindern auch gezeigt, welche Musik wir hörten, als wir 20 Jahre alt waren. 

Ist dieses Bestreben auch der Grund dafür, dass Ihre zwei Kinder und Ihre Frau bei einigen Songs auf dem neuen Album mitsingen?
Ja, sie spielten eine grosse Rolle bei diesem Album. Während ich zu Hause die Texte schrieb, habe ich sie immer wieder gebeten, auf den Demos mitzusingen, und fand es fantastisch.

Dass die ganze Familie bei einem Album mitsingt, muss sehr speziell sein.
Ja, das ist eine sehr emotionale Sache. Es ist immer noch sehr speziell. Wenn ich meine Kinder in einem anderen Land im Radio höre, zaubert mir das ein Lachen aufs Gesicht.

Aber auf Tour kommen sie noch nicht mit?
Nein, dafür sind sie noch gerade etwas jung. Aber ich bin sicher, dass sie mal dabei sein wollen, wenn sie grösser sind.

In der Schweiz waren Ihre Kinder aber schon?
Ja, schon mehrmals. Wir werden dieses Jahr wohl auch in Lugano Weihnachten feiern.

Sie singen auf Ihrem neuen Album auch von der neu entdeckten Liebe zu Ihrer Ehefrau, dass es während des Lockdowns gewesen sei wie damals, als Sie sich zum ersten Mal verliebten?
Ja, es waren für uns wie die zweiten Flitterwochen. Wir waren schon lange nicht mehr über eine so lange Zeit gemeinsam zu Hause. Es war ein «make or break». Bei so speziellen Herausforderungen realisierst du entweder, wie glücklich oder wie unglücklich du bist. In unserem Fall haben wir beide festgestellt, wie glücklich wir uns schätzen können, einander zu haben.

Sie sind seit einigen Wochen zurück auf Tour. Hat sich das Musikerdasein verändert?
Es ist anders. Das waren zwei Jahre, in diesen zwei Jahren habe ich mich verändert, und auch die Welt hat sich verändert. Es ist schön, zurück auf der Bühne zu sein, aber es wird Zeit vergehen, bis es sich wieder anfühlt wie früher. Vielleicht tut es das auch gar nie mehr. Möglicherweise ist es auch zu früh, um das beurteilen zu können. 

Begeisterung klingt anders ...
Wir haben in den letzten Wochen auf einigen Festivals gespielt in Grossbritannien, das war schon super. Es geht mehr um Dinge neben der Bühne wie Stress oder das Reisen. Zuvor habe ich dies während 15 Jahren gemacht und nie einen Gedanken darüber verschwendet. Es war normal. Heute sehe ich die Dinge aus einem anderen Winkel. Ich denke, das ist normal, wenn man nach zwei Jahren zurückkehrt. Dann hast du einen anderen Blickwinkel dafür, was gut war und was nicht. Dinge, bei denen ich mich hinterfrage, weshalb ich sie so lange getan habe, wenn es sich nicht gut anfühlt.

Wie ist es, in die Schweiz zurückzukehren, welche Gefühle verbinden Sie mit der Schweiz?
Es ist Heimat. Ich habe nicht nur ein Wochenende hier verbracht, es waren zehn Jahre, ich habe hier meine Teenagerjahre verbracht. Ich verbinde die Schweiz also definitiv mit Nach-Hause-Kommen. Als Musiker denke ich auch, dass die Schweiz eines der besten Länder für einen Musiker ist, um aufzutreten. 

Weshalb?
Man wird hier sehr zuvorkommend behandelt. Ich denke, die Schweiz hat auch einen grossen Anteil an dem, was ich gemacht habe. Ich bin in einem kleinen Dorf namens Carona aufgewachsen, wo ich eine amerikanische Schule besuchte. Ich war gerade gestern wieder dort. Der Ort ist wunderschön. Als Kind habe ich das noch nicht so geschätzt, heute weiss ich aber, dass ich mich enorm glücklich schätzen konnte, in einem so schönen Ort aufgewachsen zu sein.

Und Sie sind ja wieder aufs Land, nach Oxfordshire, gezogen ...
Ja, genau. Das hat wohl auch viel damit zu tun, weil ich in der Schweiz aufgewachsen bin. Nach 15 Jahren in London sind wir aufs Land gezogen. Dabei habe ich gespürt, dass sich das für mich richtig anfühlt, die Landwirtschaft, der Geruch von Brennholz – das alles erinnert mich an Carona.

Am Blue Balls sind Sie vor einigen Jahren bereits vor dem KKL aufgetreten. Nun treten Sie im Luzerner Saal auf. Was erwartet die Zuschauer:innen?
Ich freue mich enorm. Ich habe gehört, es sei ein wunderbarer Ort, um auf der Bühne zu stehen. Es wird auch für uns was anderes. Es wird ein Acoustic-Set-up geben mit ein paar Geschichten, etwas Wein und der Gelegenheit, gute Freunde zu treffen.

Interview: Marcel Habegger

 

Box: Jack Savoretti im KKL Luzern
Datum: heute Dienstag, 9. November
Zeit: 20 Uhr
Ort: KKL Luzern, Konzertsaal
Tickets: erhältlich beim Ticketcorner.

Preise: zwischen 75.90 und 139.90 Franken.