Schärer Linder

02.11.2020

Kein Geisterhaus

Beim zweiten öffentlichen Workshop wurden viele Wünsche angebracht, die Finanzen fanden dabei keine Beachtung. Bild: Ingo Höhn

Beim zweiten öffentlichen Workshop wurden viele Wünsche angebracht, die Finanzen fanden dabei keine Beachtung. Bild: Ingo Höhn

Das zweite Podium zur Zukunft des LT fand online mit rund 60 Teilnehmenden statt. Die Quintessenz: Es gibt zig verschiedene inhaltliche Visionen zum neuen Haus, die Standortfrage scheint geklärt.

Eine der wenigen Jugendlichen am virtuellen Podium stellte letzte Woche bissige Fragen: «Wie erreicht das Theater das Click-Publikum?» Weiteres Beispiel: «Warum so eine teure Hütte bauen, bevor man nicht weiss, für wen.» Das brachte die gestandene, theateraffine Teilnehmerschaft in die Bredouille. «Das Theater war noch nie etwas für die jüngeren Generationen» und «das Haus kann nicht auf alle Bedürfnisse Rücksicht nehmen» waren Antworten auf die unangenehmen Fragen.

Das bekannte Dilemma eines Kulturhaus-Neubaus im Tageslicht. Eine Mehrheit der Politik, die Welt der Hochkultur und das Feuilleton wünschen sich eigentlich, dass es so weitergeht wie bisher, einfach schöner, grossartiger, in einem neuen Haus. Dazu muss aber die gesamte Bevölkerung ins Boot geholt werden, weil die Chose kostet und hierzulande an der Urne entschieden wird. Also checkt man den Puls des Volkes und hört Dinge, die eigentlich mit dem aktuell üblichen Leitungssystem des Hauses schwierig vereinbar sind. An der Reuss entscheidet eine Intendanz mit Team ziemlich allein über die künstlerische Ausrichtung des Hauses, die Einflussnahme des Umfeldes endet mit deren Wahl.

 

High-End-Theater

Am virtuellen Podium mit Moderatoren aus den Kreisen des LT wurde somit eine Art Wunschliste an ein kommendes Leitungsteam entwickelt, die es ziemlich in sich hat, sich aber teilweise auch widerspricht. Einhelligkeit bestand in allen Voten über die Rolle des Hauses im schweizerischen Umfeld. Ein zweites KKL ist nicht gewünscht, das neue Theater soll vorab für das Zentralschweizer Publikum produzieren. Ein Wink für alle Ambitionierten der Kulturwelt, die gerne das Musiktheater-Genre in Luzern in dieselben Sphären hieven möchten wie den Konzertbereich.

In den Reihen der am Podium teilnehmenden Frauen und Männer war man sich auch einig, dass die Kooperationen mit der lokalen, freien Theaterszene intensiviert werden müssen. Ab hier gabeln sich aber die Vorstellungen. Während verschiedene Voten die Zusammenarbeit im Rahmen von Co-Produktionen des LT mit externen Kräften sehen, schielen andere Kreise auf die Infrastruktur des neuen Hauses. «Das neue Theater ist High End, mit Platz und Geld» war eine pointierte Aussage. So möchte die freie Theaterszene Platz für Eigenes auf der technisch hochwertig ausgerüsteten Bühne bekommen, natürlich zu attraktiven, finanziellen Konditionen – auf einer Wunschliste findet alles Platz. Eine spannende Bemerkung kam von Regisseurin und Theaterautorin Annette Windlin. «Das Luzerner Theater bekommt ein schönes Haus, dort soll es auch produzieren.» Konkret: Die Expeditionen der letzten Jahre an externe Spielplätze, «neue Räume» genannt, wie etwa die Viscosistadt und andere, sollen in Zukunft der freien Theaterszene überlassen werden. Auch müssen Kooperationen auf Augenhöhe stattfinden können.

 

Niederschwelliges erlaubt

Spannendster Teil der Diskussionen war sicher die Debatte über die Inhalte, die auf der neuen Bühne stattfinden sollen. Wie zu erwarten war, widerspiegelte sich die bunt gemischte Schar der Podiumsteilnehmenden in den Programmwünschen. Die Jugend spricht sich für aktuelle Themen, viel «Politisches» aus. Die mittlere Generation ist auch empfänglich für Niederschwelliges, das neues Publikum fürs Haus generiert. «Auch ein Publikumshit wäre doch wieder mal etwas», meinte jemand. Demgegenüber kam dann natürlich sofort die Bemerkung, man dürfe sich dem Publikum nicht anbiedern, die wertende Alternativformulierung für allzu populäre Kultur. Denn das Theater soll auch seinen Bildungsauftrag behalten, reines «Bespassen» soll es an der Reuss nicht geben.

Die Grundsatzfrage, ob nicht ein reines Gastspieltheater reichen könnte, wurde in diesem Kreis einheitlich verneint. Wobei durchaus Platz geschaffen werden kann für externe Produktionen. «So 30 Prozent der Stücke», war der kühnste Vorschlag in diesem Zusammenhang. An der Ausstrahlung des Hauses soll ebenfalls gearbeitet werden. Eine junge Stimme empfand das aktuelle Theater als «Geisterhaus, das null Energie ausstrahlt». Helfen dagegen können «spontane Veranstaltungen oder Flashmobs», Aktivitäten vor dem Haus, die Hemmschwellen abbauen. Leider getraute sich niemand, zu erwähnen, dass genau dies ein Konzept und Verdienst des abtretenden Intendanten Benedikt von Peter in den vergangenen Jahren war. Dasselbe gilt für den Einwand, das LT «verkaufe sich PR-mässig zu wenig gut». Auch hier hätte die Entgegnung kommen sollen, dass die letzten Jahre diesbezüglich einen wahren Turnaround in der Kommunikationsdenkweise gebracht haben.

 

Stoff fürs nächste Podium

Die in den letzten Monaten heftig debattierte Standortfrage ist, nimmt man dieses Podium als Richtschnur, vor allem ein Zwist zwischen Bern und Luzern. Der Tenor war einhellig, das Theater gehört ins Zentrum der Stadt Luzern, dahin, wo es jetzt schon steht. Ein Neubau, ja auch die komplette Neugestaltung des Theaterplatzes wird von der Lokalbevölkerung viel entspannter diskutiert, als es die Verlautbarungen der Fachleute vermuten lassen könnten. Der eingeschlagene Weg der Stadtregierung scheint Akzeptanz zu geniessen. Völlig aussen vor an dieser Podiumsdiskussion wurden finanzielle Themen gelassen. Es wurde gewünscht und gewünscht, wer all diese Prächtigkeiten einmal bezahlen soll, ist dann wahrscheinlich Stoff für eine nächste Debatte. In dieser müsste sich dann auch der Teil der Bevölkerung äussern können, der nicht theateraffin ist. Eine Abstimmung lässt sich nur auch über diese Kreise gewinnen. Da passte das Schlussvotum des Luzerner Licht-Designers Markus Güdel, der im Hinblick auf diesen sicher nicht lockeren Urnengang zu «mehr Zusammenarbeit unter allen Kulturschaffenden der Region Luzern» appellierte.

Andréas Härry