Schärer Linder

19.10.2020

Der Hotspot

Im diesjährigen Line-up: der jamaikanische Musikproduzent Lee Scratch Perry. Bilder: PD
Woerdz-Vorstandsmitglied André Schürmann.

Im diesjährigen Line-up: der jamaikanische Musikproduzent Lee Scratch Perry. Bilder: PD

Im diesjährigen Line-up: der jamaikanische Musikproduzent Lee Scratch Perry. Bilder: PD
Woerdz-Vorstandsmitglied André Schürmann.

Woerdz-Vorstandsmitglied André Schürmann.

Luzern ist die Hauptstadt der Spoken-Word-Kunstform. Massgeblich schuld an dieser Tatsache ist André Schürmann, Mitinitiant des Woerdz-Festivals, das diese Woche stattfindet

André Schürmann, was beinhaltet Woerdz?
Unser Festival gibt einen breiten Überblick über das Spoken-Word-Schaffen, also Literatur, die für die Bühne geschrieben und auf dieser performt wird. Vorreiterinnen und Vorreiter dieses Kulturgenres aus der Schweiz und dem Ausland laden wir ein. Wir haben Werkschauen, in denen die Künstlerinnen und Künstler Ausschnitte aus ihren aktuellen Programmen vortragen. Dazu vergeben wir Werkaufträge. Weitere Programmpunkte sind der Poetry Slam, die Vermittlungsschiene und das Kinderprogramm.

Somit gibt es Erstaufführungen.
Richtig, wir fragen Künstlerinnen und Künstler an, ob sie zu zweit fürs Festival etwas kreieren wollen. Dabei suchen die Schreibenden ihren Partner, ihre Partnerin selbst aus. Wir wählen natürlich Leute aus, denen wir Carte blanche geben können, weil wir wissen, dass etwas Hervorragendes entstehen wird.

Somit versteht sich Woerdz als Festival der Arrivierten der Branche?
Nicht nur. Natürlich laden wir Leute ein, die aufzeigen, wo es langgeht. Dazu wollen wir aber auch junge respektive neue Stimmen finden, ihnen Auftrittsmöglichkeiten geben.

Wie macht sich eine neue Stimme in diesem sehr trendigen, aber nicht im vollen Scheinwerferlicht stehenden Kulturgenre bemerkbar?
Der beste und meistens auch genutzte Weg ist das Auftreten an «Slams» (Poetry Slam, Text- oder Literatur-Live-Performances vor Publikum mit Jurierung; die Red.). Das können Dutzende bis Hunderte von Auftritten sein.

Hunderte?
Ja, es gibt Künstlerinnen und Künstler, die sind jede Woche unterwegs. Da müssen sie sich durchdienen und zeigen. Diejenigen, die speziell in Form/Performance, Inhalt und Persönlichkeit sind, werden sich durchsetzen. Wir haben ein grosses Netzwerk von Veranstaltern auf Auftretenden, die uns Neuheiten melden. Zudem veranstalte ich selbst Anlässe für neue Gesichter, tausche mich viel aus und besuche Veranstaltungen.

Was zeichnet den grossartigen Spoken-Word-Künstler aus?
Die Ansprüche sind verschieden. In der Werkschau, wo du in einer halben Stunde einen Ausschnitt aus deinem Werk präsentierst, muss alles «verhebe», textlich, gedanklich und sprachlich. In einem Slam kannst du niederschwelliger vorgehen. Da ist es weniger wichtig, dass du inhaltlich perfekt bist, solange die Performance stimmt, die Leute lachen und mitgehen. Wobei die Übergänge zwischen den Genres fliessend sind. Es gibt ja auch noch die Lyrik, der sehr stark wachsende Mundartbereich, Dada, Beat, Rap und weiteres.

Slam Poetry hat aber einen besonderen Stellenwert am Woerdz.
Wir organisieren zwischen den Sommer- und Herbstferien Workshops. Da qualifizieren sich junge Leute für den intern Baby-Slam genannten Eröffnungsanlass am Mittwoch.

Hat Ihr Festival oder von Ihnen produzierte Vorgängeranlässe auch schon grosse Namen hervorgebracht?
Hazel Brugger, Patti Basler oder Pedro Lenz zum Beispiel wären auch ohne uns bekannt geworden, wir haben aber sicher mit unseren Auftrittsmöglichkeiten dazu beigetragen.

Hazel Brugger wurde eben mit dem deutschen Comedypreis ausgezeichnet.
Ihre Karriere ist symptomatisch und hat Vorreiterfunktion für die Spoken-Word-Szene, wo man sich nach Hunderten von Slams in eine Richtung spezialisieren kann – wie übrigens auch Gabriel Vetter oder Patti Basler.

Wo grenzt sich Ihre Szene von der Comedy ab?
Wenn das Publikum nur bespasst werden soll, ist es eher Comedy. Will man die Gäste zudem mit intelligenten Texten und Inhalten herausfordern, geht es in die Spoken-Word-Richtung. Hazel Brugger und andere schaffen es, beides zu verbinden.

Spoken Word ist trendy, «in». Was ist der Reiz des Genres?
Man kann sich an einem Poetry Slam niederschwellig unterhalten lassen, aber auch sehr intelligente Beiträge geniessen. Generell sind unsere Anlässe sehr unterhaltsam. Zum Aufschwung beigetragen hat auch das Revival der Schweizer Mundart. Zu sehen auch in der Arbeit von Matthias Burki und seinem Luzerner Verlag ‹der gesunde Menschenverstand›, der seit 15 Jahren Mundartbücher auf den Markt bringt.

Immer wieder Luzern: Ist die Leuchtenstadt ein Hotspot der Spoken-Word-Szene?
Um im Jargon zu bleiben: Wir sind sogar Superspreader. Der Dreieck Matthias Burki, die «Loge» (eine kleine Bühne an der Moosstrasse, wo viele Lesungen stattfinden; die Red.) und das Festival Woerdz machen Luzern zur Spoken-Word-Hauptstadt der Schweiz mit internationaler Ausstrahlung. Festivals, wie wir 
es auf die Beine stellen, gibt es in der Schweiz keine weiteren und in Europa sehr wenige.

Was für Ziele verfolgen Sie mit Woerdz in den kommenden Jahren?
Wir wollen Pulsmesser der Spoken-Word-Szene der Schweiz sein, interdisziplinäre Zusammenarbeiten anstossen und ein wichtiger Vermittler von Talenten in diesem Bereich sein.

Zum Schluss der Spot fürs anstehende Festival: Wer soll Sie besuchen kommen?
Offene Persönlichkeiten mit Interesse an kulturellen Inhalten und auch Leute, die sich gern überraschen lassen, werden sich bei uns wohlfühlen. Zum Einsteigen empfehle ich den Poetry Slam. Bei uns kann man aber auch Namen wie Franz Hohler, Nora Gomringer oder den jamaikanischen Musikproduzenten Lee Scratch Perry erleben. Sehr spannend sind auch unsere interdisziplinären Performances, Musik mit Spoken Word.

Andréas Härry

 

Box: Eventhinweis
Vom 21. bis 24. Oktober 2020 findet die vierte Ausgabe des internationalen Spoken-Word-Festivals Woerdz im Südpol und im Kleintheater statt. Der Anlass kann unter Einhaltung der neusten Schutzkonzepte durchgeführt werden. Infos und Vorverkauf: woerdz.ch